In den letzten zwei bis drei Monaten habe ich mich oft dabei ertappt, wie ich nachdenklich auf meine Kartensammlung geblickt habe. Wer mich kennt, weiß: Ich bin leidenschaftlicher Fan, ich liebe tolle alternative Artworks und das Gefühl, eine Karte zu ziehen, die einfach „besonders“ ist. Doch was sich momentan auf dem Markt abspielt, fühlt sich für mich nicht mehr nach dem Hobby an, das ich vor Jahren lieben gelernt habe. Es ist, als ob sich die Preise, die Hypes und die gesamte Verfügbarkeit von Karten in eine Sphäre bewegen, die jeglichen Bezug zur Realität verloren hat.
Ich möchte das hier ganz explizit als meine subjektive Wahrnehmung teilen. Es ist ein Gefühl der Sorge, das mitschwingt, wenn ich sehe, wie sich Trading Card Games (TCGs) schleichend verändern. Wir reden hier nicht mehr davon, dass TCGs eine Alternative zu Gold, Aktien oder Kryptowährungen sein könnten – für viele Akteure am Markt sind sie längst zu einer inoffiziellen Asset-Klasse geworden, ohne dass das jemals jemand offiziell deklariert hätte.
Von Rekordsummen und der Frage nach der Relation
Wenn wir über völlig verrückte Zahlen sprechen, kommt man an einem Namen kaum vorbei: Logan Paul. Sein Umgang mit Pokémon-Karten hat den Markt nachhaltig geprägt. Er hat eine Karte, die er vor etwa fünf Jahren für gut 5,275 Millionen Dollar eingekauft hatte, nun für unglaubliche 16,492 Millionen Dollar weiterverkauft. Man muss sich das einmal kurz auf der Zunge zergehen lassen: Das ist ein Plus, das in keinerlei Verhältnis mehr zum eigentlichen Objekt steht. Das ist kein „Sammeln“ mehr – das ist Hochfinanz auf Papierbasis.
Aber dieser Wahnsinn findet nicht nur in den USA statt, er erreicht uns hier im Privaten. Ein guter Freund von mir hatte neulich das unglaubliche Glück, im One Piece Set OP13 die seltene rote Luffy Manga Rare zu ziehen. Ein fantastischer Pull, keine Frage. Doch die Preisgestaltung auf dem Zweitmarkt ist schwindelerregend: Die ersten Angebote starteten bei 16.000 Euro, und ich weiß aus erster Hand, dass die Karte tatsächlich für 20.000 Euro den Besitzer gewechselt hat. Da sitzt man fassungslos davor und fragt sich: In welcher Relation steht das noch?
Der Zufallsfund im eigenen Ordner: Wenn Pappe zum „Schatz“ wird
Wie schnelllebig und fast schon absurd diese Entwicklung ist, habe ich erst vor wenigen Tagen am eigenen Leib erfahren. Ich hatte nach langer Zeit mal wieder einen alten Ordner in die Hand genommen, in dem ich Promokarten von One Piece und Dragon Ball aufbewahrt hatte. Das waren für mich bisher nette Erinnerungsstücke von Regional-Turnieren, die ich gedanklich mit vielleicht 10 Euro pro Stück verbucht hatte.
Doch als ich diesen Ordner nun eher beiläufig durchblätterte und die aktuellen Marktentwicklungen prüfte, traf mich fast der Schlag. Inmitten dieser alten Karten verbarg sich ein „Schatz“, den ich überhaupt nicht auf dem Schirm hatte. Eine dieser Karten wird aktuell bei eBay in Auktionen für 1.500 bis 2.500 Euro gehandelt.
Ich habe mich nun dazu entschieden, diese Kurve finanziell mitzunehmen und nutze dafür den Service von slap.auctions. Die Karte ist bereits auf dem Weg dorthin. Das Team dort kümmert sich um das professionelle Grading bei PSA und stellt die Karte anschließend über ihren reichweitenstarken eBay-Kanal online. Natürlich freue ich mich über diesen unverhofften finanziellen Benefit, aber gleichzeitig hinterlässt es ein flaues Gefühl. Wir erleben hier keine langsame Wertsteigerung, sondern eine eskalationsartige, fast schon exponentielle Explosion in den letzten zwei Jahren.
Wenn der Nutzwert gegen Null geht
Die Absurdität wird erst so richtig deutlich, wenn man sich den Verwendungszweck dieser Karten anschaut. Viele dieser hochpreisigen One Piece Promos – wie eben auch mein Fund – werden im aktuellen Spielgeschehen überhaupt nicht eingesetzt. Sie finden in keinem Deck Verwendung, sie haben spielerisch keinerlei Relevanz. Man kauft sich hier also nicht einmal einen spielstarken Vorteil im Sinne von „Pay-to-Win“, sondern ein reines, funktionsloses Spekulationsobjekt. Dass Karten, mit denen man faktisch nicht einmal spielt, plötzlich den Gegenwert eines Gebrauchtwagens haben, zeigt die Entkoppelung vom eigentlichen Kern des Hobbys.
Mehr als nur TCGs: Die Welt der Sportkarten
Dieses Phänomen beschränkt sich längst nicht mehr nur auf die klassischen TCGs. Ein Blick auf die Sportkarten-Welt zeigt ähnliche Auswüchse. Da werden Boxen verkauft, in denen man mit Glück Trikotstücke (Patches) von Weltstars ziehen kann, versehen mit einer Unterschrift und einer extremen Limitierung. Auch hier werden horrende Preise aufgerufen für Dinge, die am Ende des Tages eben doch nur ein Stück Pappe mit einem Stofffetzen sind. Es ist die gleiche Jagd nach künstlicher Verknappung, die wir auch bei den Serial-Karten von Magic: The Gathering sehen.
Hier kann euch übrigens folgende Doku auf ZDF sehr empfehlen:
https://www.zdf.de/dokus/koenige-der-sammelkarten-movie-100
Eine Blase in unsicheren Zeiten?
Ich frage mich ernsthaft, wie stabil dieses Kartenhaus ist. Wenn TCGs heute wie Edelmetalle behandelt werden, was passiert dann, wenn die globale wirtschaftliche oder politische Lage noch ruppiger wird? In einer echten Krise flüchten Menschen in bewährte Mittel wie Gold oder lebensnotwendige Güter. Ich bezweifle stark, dass dann noch Millionen von Menschen in Trading Cards investieren werden. Ich habe große Sorge, dass wir auf einen „Big Bang“ zusteuern, bei dem viele am Ende auf sehr teurem Altpapier sitzen bleiben.
Die Schattenseiten: Wenn Gier zu Gewalt wird
Diese astronomischen Werte bringen leider auch eine dunkle Seite mit sich. In den sozialen Medien häufen sich Berichte von Ladenbesitzern – allein in Deutschland gab es in den letzten Wochen mehrere Fälle –, deren Läden nachts gezielt leergeräumt wurden. Die Diebe wussten genau, wo die wertvollen Ordner und Vitrinenstücke standen.
https://www.gamepro.de/artikel/pokemon-tcg-shop-the-poke-court-umbenannt-nintendo-copyright,3448416.html
Da Karten keine Seriennummern haben, ist der anonyme Wiederverkauf erschreckend einfach. Das schafft eine ganz neue Ebene der Unsicherheit. Ich habe mittlerweile die Sorge, dass man auf Turnieren, wo Decks im Wert von mehreren tausend Euro offen auf den Tischen liegen, irgendwann um seine Sicherheit oder sein Eigentum bangen muss.
Wohin geht die Reise?
Selbst bei neuen Projekten wie Riftbound beobachte ich die Entwicklung mit Argwohn. Schon jetzt gibt es dort Engpässe bei der Verfügbarkeit und Diskussionen um Signature-Karten. Werden wir dort in kürzester Zeit in den gleichen toxischen Preis-Sphären landen?
Wir müssen uns als Community fragen, ob wir diesen Weg als „Investoren“ bedingungslos mitgehen wollen oder ob wir uns wieder mehr auf das besinnen, was TCGs eigentlich sein sollten: Ein Spiel, das Menschen zusammenbringt und Spaß macht – ganz ohne den Druck, ein fünfstelliges Asset auf dem Tisch liegen zu haben.
Wie geht es euch damit? Habt ihr auch schon „Schätze“ in euren alten Ordnern gefunden, die eigentlich gar nicht spielbar sind? Und macht euch die aktuelle Entwicklung eher Freude oder Angst?





Sehr interessantes Thema – ich hab es im Podcast schon mal irgendwo fallen gelassen: letztes Jahr hatte ich in Bonn einen Flohmarkt-Stand und nebenan war ein Pokemon-Boosterverkäufer. Einer von vielen auf dem Flohmarkt! Immer in Grüppchen kamen die Jugendlichen, haben sich Booster gegönnt, geöffnet, am besten noch gefilmt und gestreamt beim Öffnen und sind eskaliert, wenn eine Karte mal mit 200 oder 300 Euro gehandelt wird. Ich hab mich später mit dem Händler unterhalten. Er meinte auch, gespielt wird damit so gut wie gar nicht, es geht ums Glücksspiel beim Öffnen, den Thrill und dann der virtuelle Vergleich, was die Karte gerade wert wäre. Wie Du schon schreibst, letzen Endes bleibt es ein Stück Pappe. Die Frage nach dem Wert ist natürlich schwierig, ein Gemälde ist auch „nur“ Farbe auf Papier oder Leinwand… natürlich mit künstlerischem Hintergrund, aber über den Wert einiger Gegenstände zu fachsimpeln ist ein komplexes Thema.
Ich selbser bin auch kein Freund dieser Spekulationen, denn während „früher“ das teuerste die Moxe und Lotusse dieser Welt bei Magic waren, hatten diese ja vor allem den hohen Spielwert und konnten als Spleen abgetan werden für Spielformate, die kaum einer bedienen kann und auch nicht muss. Aber das Handeln mit Karten jetzt hat keinen Spielhintergrund mehr und das finde ich schade und beschneidet vielleicht manche Leute, die einfach nur spielen wollen darin, da sie für gute Karten tief in die Tasche greifen müssten. Ein Grund, warum ich weiter (leider aus eurer Sicht der TCG-Fans) dem Thema distanziert bleibe.