Altered ist (eine traurige) Geschichte

Vom Rekord-Kickstarter zum Abschiedsbrief: Warum „Altered“ nach nur drei Jahren zu Ende geht

Es war einmal ein Spiel, das alles richtig zu machen schien. Ein französisches Studio, ein Gründer mit Pedigree, ein visuelles Konzept, das aus einem Miyazaki-Film stammen könnte – und ein Kickstarter, der mit 6,21 Millionen Euro und rund 15.000 Backern alles sprengte, was der TCG-Markt bis dahin gesehen hatte. Heute, knapp drei Jahre später, ist genau dieses Spiel Geschichte. Am 18. März 2026 verkündete Equinox das Ende von Altered. Und mit „Tonight, we feel a profound sadness“ begannen wohl die schwersten Worte, die Régis Bonnessée je geschrieben hat.

Ich möchte heute mit euch zurückblicken: auf einen Hype, der so groß war, dass er kaum noch zu kontrollieren schien. Auf eine Vision, die – ehrlich gesagt – wirklich mutig war. Und auf die nüchterne Erkenntnis, dass selbst ein Rekord-Crowdfunding kein Schutz vor den Realitäten eines übersättigten Marktes ist.

Was war Altered eigentlich?

Bevor wir über das Ende sprechen, müssen wir kurz über den Anfang reden. Denn Altered war kein weiteres Magic-Klon-Projekt im Fantasy-Mantel.
Das Spiel von Equinox Studio (gegründet 2020 in Paris von Régis Bonnessée, der Branchenkennern bereits als Libellud-Gründer ein Begriff war – Dixit, Mysterium, Dice Forge, Seasons) drehte das klassische TCG-Prinzip an mehreren Stellen auf links:

  • Kein Lebenspunkte-Gemetzel: Statt sich gegenseitig auf die Mütze zu hauen, steuern beide Spieler einen Helden samt Companion über zwei parallele Expeditionsrouten. Wer zuerst sein Team vereint, gewinnt.
  • Unique-Karten: Eine eigene Seltenheitsstufe, bei der jede Karte weltweit nur ein einziges Mal existierte. Ungefähr eine pro acht Boosterpacks.
  • Print-on-Demand-Service: Über eine Companion-App und einen Print Store konnte man digital besessene Karten in der Sprache seiner Wahl direkt ab Druckerei nachbestellen. Das war 2024 ein revolutionärer Gedanke.
  • Digitaler Marktplatz: Karten ließen sich per QR-Code scannen, digital handeln und in einem persönlichen Account verwalten.

Régis Bonnessée formulierte es im Interview mit Tous Entrepreneurs sinngemäß so: Er wollte das ursprüngliche Magic-Gefühl zurück, kombiniert mit einem komplett neu gedachten Ökosystem. Asmodee stieg als exklusiver globaler Distributor ein. Fünf Sprachen zum Start, darunter Deutsch. Die Erwartungshaltung: gigantisch.

Die sechs Sets – Ein verdichteter Lebenslauf

In knapp 18 Monaten hat Equinox sechs offizielle Sets ausgeliefert – ein Tempo, das selbst etablierten TCGs Respekt abverlangt:

  • Beyond the Gates (BTG) – Sommer 2024, das Launch-Set mit 18 Helden über sechs Fraktionen (Axiom, Bravos, Lyra, Muna, Ordis, Yzmir).
  • Trial by Frost (TFO) – 31. Januar 2025, erste Erweiterung: 282 neue Karten, Reise in die eisigen Berge des Cais Adarra.
  • Whispers from the Maze (WMZ) – Sommer 2025, Set 3 inspiriert vom Theseus-Minotaurus-Mythos.
  • Skybound Odyssey (SO) – 3. Oktober 2025, Set 4 zum einjährigen Jubiläum: sechs neue Helden, das Setting wechselt in einen Archipel fliegender Inseln.
  • Seeds of Unity (SoU) – Februar 2026, Set 5 und das erste über Gamefound finanzierte Set mit der neuen Seltenheitsstufe „Exalted“ und Collector-Boostern.
  • Roots of Corruption (RoC) – das geplante Set 6, dessen Crowdfunding-Kampagne am 24. Februar 2026 startete – und am 18. März 2026 abgebrochen wurde.

Ein siebtes Set – Neverending Journey – wird der Community in digitaler Form als Abschiedsgeschenk hinterlassen. Ohne Unique-Karten, weil schlicht die Zeit fehlte, sie sauber zu testen.

Das erste Warnsignal: Seeds of Unity (Oktober 2025)

Was viele heute als „den Anfang vom Ende“ lesen, war eigentlich ein bewusster strategischer Bruch: Equinox kündigte die Distributionspartnerschaft mit Asmodee und versuchte, in Eigenregie über Gamefound zu finanzieren und auszuliefern. Die Begründung in der offiziellen AMA: bessere Margen, mehr Kontrolle, kürzere Lieferketten – und im überfüllten TCG-Markt nicht mehr „eines von tausend Produkten auf dem Großhändler-Tisch“ sein.

Klingt vernünftig. Funktionierte halbwegs. Die zehntägige Kampagne lief vom 28. Oktober bis ursprünglich 7. November 2025 und musste bis zum 14. November verlängert werden. Die Kommunikation während der Kampagne las sich phasenweise alarmierend: In einem Update mit dem unmissverständlichen Titel „We need you!“ räumte Equinox ein, dass die finanzielle Zielgröße bei 2,5 Millionen Euro lag – und dass es ohne breite Unterstützung „ein Szenario gibt, in dem wir Altered nicht mehr in der gewünschten Qualität fortsetzen können“.

Am Ende reichte es. Knapp. Aber wer zwischen den Zeilen las, sah: Hier kämpft ein Studio um die nackte Existenz seines Flagships. Genau das ist die Sorte Update, das eine Community alarmiert – und Wales von Vorbestellern abschreckt, wenn die nächste Runde ansteht.

Das Ende: Roots of Corruption – die nüchternen Zahlen

Am 24. Februar 2026 startete die nächste Gamefound-Kampagne für Roots of Corruption. Ziel diesmal: 2 Millionen Euro, um die Zukunft von Altered abzusichern. Das Pflichtziel auf Gamefound von 50.000 € beschrieb Equinox selbst als „technische Notwendigkeit, um das Stretch-Goal-System nutzen zu können“.
Die Endabrechnung am 18. März 2026:

  • 421.113 € über Gamefound (immerhin mehr als achtmal das symbolische Mindestziel)
  • 680.000 € über professionelle Partner und Local-Game-Stores
  • Gesamt: rund 1,1 Millionen Euro – „far too far“, wie Equinox es nannte, vom 2-Millionen-Ziel entfernt.

Bonnessées Worte in der Abschiedsmeldung „A Chapter Closes“ lassen sich kaum nüchterner zusammenfassen: „The numbers simply aren’t there.“
Und dann der menschliche Satz, der mir tatsächlich einen Moment hängenblieb: „Thank you for every card played, for every smile exchanged, and for everything you put of yourselves into this adventure. It was an honor to imagine it with you.“

Warum ist Altered gescheitert?

Hier ist mein persönlicher Blick darauf – und ja, das ist bewusst meine Lesart, weil eindeutige Wahrheiten in solchen Fällen selten existieren:

  1. Der Markt ist gnadenlos voll. Ich habe im November über Riftbound geschrieben und wie schwer es selbst Riot Games gerade hat, eine spielbare Basis aufzubauen. Altered konkurrierte gleichzeitig mit Magic, Pokémon, One Piece, Disney Lorcana, Star Wars: Unlimited, Flesh and Blood – und ab Herbst 2025 mit dem Riftbound-Hype. Die Spielerzeit ist endlich. Der Geldbeutel auch.
  2. Keine starke IP. Altered hatte einen wirklich liebevoll gestalteten Eigenkosmos. Aber „Asgartha“ und „der Tumult“ haben nun mal nicht die emotionale Zugkraft eines Pikachu, eines Leviathan-Drachen aus dem MTG-Multiverse oder eines Luffy. Im Wettbewerb um Aufmerksamkeit ist das ein massives Handicap.
  3. Der digitale Marktplatz hat den Einzelhandel gelähmt. Genau das, was Altered einzigartig machte – jede Karte ist digital an einen Account gebunden – machte den klassischen Singles-Handel im LGS unmöglich. Wer ein TCG kennt, weiß: Singles-Trading ist die Lebensader lokaler Communities. BoardGameWire fasst es treffend zusammen: „That digital marketplace also made it difficult for retailers to offer the TCG staple of being able to buy, sell and trade single cards.“
  4. Print-on-Demand kam zu spät. Das große USP – „drucke deine Karten jederzeit nach“ – ging laut BoardGameWire erst im April 2025 in eine offene Beta. Zu diesem Zeitpunkt war der Hype um den Launch längst verflogen, und ein zentrales Versprechen des Kickstarters war über Monate nur eingeschränkt verfügbar.
  5. Tempo-Konflikt mit der eigenen Community. Equinox geriet in die Bredouille, die Roots-of-Corruption-Kampagne zu starten, bevor Seeds of Unity überhaupt vollständig an die Backer ausgeliefert war. Bonnessée räumte ein, der angestrebte Vier-Monats-Zyklus pro Set ließe „keine Flexibilität mehr“. Für viele Backer fühlte sich das wie das klassische „bitte zahl jetzt schon mal das nächste Ding“ an. Vertrauen verbrennt schnell.
  6. Bruch mit Asmodee. Strategisch nachvollziehbar, aber der Wegfall des stärksten Distributors Europas hat Reichweite gekostet, die niemand auf die Schnelle ersetzen konnte. Manche Asmodee-Regionen (Asia, Chile) blieben angedockt, der Großteil aber lief plötzlich über Direkt-Logistik.

Was passiert jetzt mit deiner Sammlung?

Equinox hat – das muss man fairerweise sagen – einen erstaunlich respektvollen Abschiedsplan vorgelegt. Wer jetzt noch ein Konto hat, sollte die folgenden Daten in den Kalender schreiben:

  • Sofort verfügbar: Roots of Corruption ist für alle aktiven Konten (eingeloggt seit dem 1. September 2025) digital freigeschaltet – inklusive 10 zufälligen Unique-Karten als Geschenk.
  • In Kürze: Set 7 Neverending Journey erscheint nur digital, ohne Uniques, dafür aber komplett.
  • 20. Mai 2026: Letzte Frist, um Wallet-Guthaben abzuziehen (POD-Credits sind nicht rückerstattbar – also: vorher verdrucken!).
  • 25. Mai 2026, 6:00 Uhr CET: Letzte Bestellfrist für die finale POD-Welle.
  • Ende Mai 2026: Schließung des digitalen Marktplatzes; nur eine vereinfachte Webseite bleibt online.
  • GitHub: Equinox stellt die Mehrheit der Kartenliste inklusive Artwork und Lore unter „non-commercial Fan Content“-Lizenz bereit.
  • Board Game Arena: Verhandlungen laufen, ob die Community das Spiel dort weiterführen kann.

Was es nicht gibt: Refunds für Backer, deren Spiel jetzt nicht mehr unterstützt wird. Das war auch nie Teil der Kickstarter-Bedingungen, ändert aber nichts daran, dass viele in der Community sich genau das gewünscht hätten.

Auf der positiven Seite: Es formieren sich bereits Community-Initiativen – das „Altered Re:Union“-Projekt versucht, das Spiel mit Fan-Mitteln am Leben zu halten. Ob das funktioniert? Schwer zu sagen. Aber die Geste alleine zeigt, wie sehr dieses Spiel Menschen erreicht hat.

Was bleibt – und was wir daraus lernen können

Ich habe vor knapp einem halben Jahr in meinem Beitrag „Zwischen Sammelleidenschaft und Spekulationsrausch“ darüber geschrieben, dass TCGs immer mehr zu einer inoffiziellen Asset-Klasse mutieren. Altered war in gewisser Weise das Gegenmodell: Ein Spiel, das das Sammeln entkoppeln wollte vom Spekulieren – über Print-on-Demand sollten spielrelevante Karten eben nicht zur Mangelware werden.

Vielleicht ist das die größte Tragik dieser Geschichte: Altered war konzeptionell genau das, worüber viele in der Community seit Jahren diskutieren. Ein TCG, in dem das Spielen wieder im Vordergrund steht. Und ausgerechnet dieses Projekt scheitert nicht an einer schlechten Idee, sondern an Mathematik – an einem Markt, der zu eng geworden ist, an Margen, die nicht reichen, an Zyklen, die zu schnell sind.

Régis Bonnessée hat in einem früheren Interview einmal gesagt, Scheitern sei Teil des Unternehmertums – „ce n’est pas grave, on peut se planter“. Bei Altered hört sich dieser Satz nach einem deutlich größeren Verlust an als bei einem Brettspiel-Prototyp. Aber er macht ihn zumindest verdaubar.

Fazit – Ein TCG zwischen Mut und Marktrealität

Altered war kein Flop. Es war ein Erfolg, der von eigenen Ambitionen und einem brutalen Marktumfeld eingeholt wurde. Sechs Sets in 18 Monaten, eine treue Community, ein bemerkenswert respektvoller Abschiedsplan, eine offen kommunizierende Geschäftsführung bis zum Schluss – das ist mehr, als manch andere TCG-Produktion zustande bringt.

Trotzdem bleibt die unbequeme Erkenntnis: Innovation allein reicht nicht. Ein TCG braucht eine kritische Masse an Spielern, eine funktionierende Singles-Wirtschaft, robuste Distribution und ein Tempo, das Backer nicht überfordert. Wer auch nur eine dieser Säulen verliert, gerät ins Wanken.

Wie geht es euch damit? Hattet ihr Karten oder Decks von Altered? Werdet ihr eure POD-Credits noch nutzen, bevor am 25. Mai die Tore zumachen? Und was glaubt ihr: Wo ist die Schmerzgrenze für die nächste Welle innovativer TCGs erreicht – und welches Spiel ist als nächstes dran?

Schreibt es gerne in die Kommentare. Ich lese mit. Und drücke ehrlich gesagt allen Studios da draußen die Daumen, die noch den Mut haben, in diesen Markt zu gehen.
(Quellen: altered.gg, BoardGameWire, TechRaptor, GamesRadar+, GamingTrend, Gamefound, Tous Entrepreneurs, Le 7 Info, alteredtcg.blog, Wikipedia FR, Community-Diskussionen)

 

Euer Martin

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